Lehrproben/Vorstellung 13.11.20

Lehrprobe Werkbetrachtung

Präsentation mit weiteren Informationen zu Komponistin/Komposition etc.

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Präsentation "Musiktheorie und Neue Medien" an der Hochschule für Musik Freiburg

Meine Präsentation auf www.prezi.com (empfohlen)

 

 

Meine Präsentation als Screenshots hier unten (backup):

Sound-Labor

Untersuchungen zu und mit digitalen & analogen Interfaces

in zeitgenössischen Multimedia-Kompositionen

Fokus #1: Reverb/Hall am Beispiel "Key of Presence" ("Theatre of Echo") von Brigitta Muntendorf

These/Einordnung:

Das Spielen mit Raumklang und Räumlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Klangarchitektur, die Brigitta Muntendorf in "Key of Presence", dem zweiten Teil aus "Theater des Nachhalls/Theatre of Echo" entworfen hat. Dabei nutzt die Komponistin nicht nur die natürliche Raumakustik des Konzertsaals, sondern vor allem die verschiedenen Möglichkeiten digital erzeugter Räumlichkeit mit Hilfe von Computersoftware und Lautsprecherboxen, welche zusätzlich im Konzertsaal installiert wurden.

Während in den meisten analogen bzw. nicht-virtuellen Umgebungen stets ein gewisses Maß an Verklingen vorhanden ist, muss dies im Digitalen meist künstlich erzeugt werden. Diese Rechenaufgabe übernehmen sog. Reverb-Effekte. 

Reverb bzw. Hall ist in nahezu jeder Musik-Aufnahme - unabhängig von Genre, Besetzung o.ä. - in irgendeiner Menge vorhanden und seit geraumer Zeit für jede(n) käuflich zu erwerben, als Plug-In oder in eine Digital Audioworkstation integriert. Es ist daher grundsätzlich relativ leicht möglich, damit eigene Klangexperimente am Computer durchzuführen.

Unabhängig von Hersteller-seitigen Besonderheiten funktioniert ein Reverb immer gleich: Es fügt einen Hall zu einem Eingangssignal hinzu. Als die zwei wesentlichen Funktionen ließen sich die Länge des Halls und die Menge des Halls im Verhältnis zum Eingangssignal bezeichnen.

Im Folgenden wird nun versucht, die Klanglichkeit des Klaviers bei "Key of Presence" ausschließlich mit Hilfe eines digitalen, Software-emulierten Reverbs nachzubilden. Anschließend soll eine Aufschlüsselung ausgewählter Parameter die Gestaltungsmöglichkeiten des Reverbs in Kombination mit einer Klangquelle in Form vieler kleiner Hörbeispiele systematisiert vorstellen.

Teil 1: Versuch eines Nachbaus des Reverb-Klangs bei "Key of Presence"

Minute 01:27-01:31///Partitur T.18-21

Vorlage und Vorgehen:

 

Der Ausschnitt zeigt verschiedene Intensitäten eines Reverb-Plug-Ins sowie die Umkehrung eines Reverb-Signals (statt eines Abschwellens nimmt die Lautstärke hier zu). Wie lassen sich diese Klänge - Flügel und Reverb-Hinzunahme - mit handelsüblicher Software nachahmen?

 

Schritt 1:

Der Klang der kleinen Sekunde es'''/d''' aus der Vorlage wurde mit Hilfe eines "in-stock-Sounds" aus der Digital Audio Workstation Bitwig Studio 3 hergestellt. Dabei wurde der Reverb-Parameter des Presets auf 0 gedreht, um zunächst einen (nahezu) vollständig Reverb-freien ("trockenen") Klang zu erhalten.

Bild oben:

Die Plug-Ins "Grand Piano" (links) und "Reverb" (rechts) aus dem Fundus von Bitwig Studio 3

Bild oben:

Hüllkurve des trockenen/hallfreien Signals (Sekundklang es/d auf dem "Grand Piano"); Grundtyp A.

Schritt 2:

Diesem Flügelklang wird das Bitwig-eigene Reverb hinzugefügt. Nun wird nach einer Einstellung gesucht, welche dem Klang der Vorlage möglichst nahe kommt. Hier entscheidet das Ohr im Zusammenwirken mit mehrmaligem Referenzhören des Originals. Charakteristisch ist dort eine recht "große" Räumlichkeit, vergleichbar mit dem Klang einer leeren Lagerhalle.

Bild oben:

Flügelklang plus Hallzeit, hier gut erkennbar an der lang gezogenen schwarzen Linie (bis über Punkt 2.4 hinaus!); Grundtyp B.

Schritt 3:

Ist die passende Einstellung gefunden, wird der neue Klang innerhalb von Bitwig auf eine neue Spur aufgenommen. Anschließend lässt sich dieser Inhalt "umdrehen", d.h. rückwärts abspielen.

Bild oben:

Die umgedrehte Hallfahne ("reversed") des Flügelklangs: starker Anstieg der Dynamik kurz vor Schluss sowie abrupter Abbruch des Signals sind die typischen Erkennungsmerkmale dieses Effekts; Grundtyp C.

Als Ergebnis lassen sich so drei Grundtypen festhalten:

A: Klangquelle Flügel ohne Reverb ("dry signal")

B: Klangquelle mit hinzugefügtem Reverb und nachjustierten Parametern

C: Grundtyp B rückwärts abgespielt.

Teil 2: Systematisierung

Allgemeine Vergleichsmöglichkeit der Parameter 'Effektmenge' und 'Effektlänge' im Kontext verschiedener Tondauern

 

Um Schritt 2 (s.o.) noch deutlicher nachvollziehbar zu machen und um eine allgemeinere Vergleichsmöglichkeit herstellen zu können, wird im Folgenden eine Systematisierung einiger bereits erwähnter Parameter vorgenommen. Für diese Demonstration und im Sinne einer Übersichtlichkeit werden nur die drei folgenden Parameter manipuliert: Tondauer der Klangquelle, Effektmenge des Reverbs und Effektlänge des Reverbs (darüber hinaus wären weitere Parameter für eine Untersuchung denkbar, hier jedoch außer Acht gelassen: Signaltyp (Instrumententyp, Anschlagsart etc.), Signallautstärke, etc.).

Bild oben:

Übersicht über die Parameter Klangquelle ("kurze Tondauer" etc.), Effektmenge ("25% wet" etc.) und Effektlänge ("1s Decay" etc.)

Als erster Parameter wurde die Tondauer des Sekundklangs in "kurz", "mittel" und "lang" unterteilt, um zu berücksichtigen, dass der Flügel selbst bereits resoniert. Der zweite, schrittweise veränderte Parameter ist der sog. "Wet-Knob", d.h. der Drehregler am Reverb-Plugin, welcher die Effektmenge des Reverbs selber steuert. Zur einfacheren Unterscheidung wurde der Regler auf insgesamt 5 Positionen gestellt: 0% (also kein Reverb hörbar), 25%, 50%, 75% und 100% Reverb-Anteil am Klavierklang. Bei der 100%-Einstellung ist das Original-Signal nicht mehr für sich genommen wahrnehmbar, nur noch der reine Reverb-Klang ist hörbar.

Der letzte veränderte Parameter heißt "Decay" und bestimmt, wie viel Zeit vergeht, bis das Signal bzw. der Klangimpuls verklingt (Effektlänge).

Beim Hören der obigen, isolierten Klangparameter werden mehrere Aspekte erkennbar, von denen ich zunächst die wichtigsten hier kurz vorstelle:

- im "dry"-Zustand ist der Flügelklang recht neutral und nicht unbedingt als "künstlich" bzw. Emulation erkennbar. Durch Zunahme von Effektmenge und Effektlänge stechen jedoch die eher weniger natürlich wirkenden klanglichen Eigenschaften hervor, was besonders in den 100%-Modi auffällt. Dazu trägt auch das Bitwig-eigene Reverb-Plugin bei. Interessant wäre daher noch ein Vergleich verschiedener Reverbs, auch aus dem sog. Highend-Bereich (Lexicon, evtl. auch Valhalla), um zu überprüfen, ob diese das Problem besser verarbeiten. In Fachzeitschriften ("Recording-Zeitschrift", "Sound & Recording" etc.) gibt es allerdings bereits eine Vielzahl an Typ-bezogenen Tests und Auswertungen.

- die Effektmenge und die Effektmenge bedingen sich zumindest teilweise gegenseitig. Die Länge (Decay) ist abhängig von der Effektmenge, was besonders bei den über 50% "wet"-Einstellungen mit längerem Decay nachvollziehen lässt. In der Kategorie 12-Sekunden-Decay wird zudem erkennbar, dass die Lautstärke des Eingangssignals unterschiedlich stark abnimmt, je nachdem, wie die "wet"-Position ist.

- die Tondauer (bzw. Impulsdauer) kann je nach Impulsart/Instrument für Interferenzen im Klangspektrum sorgen. Die Hammermechanik eines Flügels/Klaviers erlaubt allgemein nur einen kurzen, impulsartigen Kontakt zur Seite, sodass die Klangdauer über Tasten und Pedal zusätzlich verlängert werden kann. Das (zeitlich gut nachvollziehbare) Verklingen eines Klaviertons gehört daher insbesondere bei diesem Instrument zu den wesentlichen Klangeigenschaften. Die manuelle Verlängerung über gedrückte Tasten (wie in den hiesigen Beispielen) geht ab einer gewissen Dauer mehr oder weniger "fließend" in das Reverb-Plugin über. Auch hier erzeugen die stärkeren Parametereinstellungen zunächst ein deutlicheres Erkennen des Phänomens, entwickeln jedoch auch eher unschöne Klangresultate, bei denen man das Gefühl bekommt, dass Klangquelle und Plugin gegeneinander arbeiten.

- Das Klangereignis als Gesamtheit lässt sich in drei Phasen aufteilen: Impuls (Töne werden angeschlagen), frühe Reflexionen, Nachhall. In den obigen Beispielen kann man sowohl hörend als auch visuell erkennen, dass die Lautstärke insgesamt graduell abnimmt. Durch die unterschiedlichen Effektlängen lässt sich dieser Prozess hörend am besten bei hoher Decay- und Wet-Einstellung nachvollziehen.

 

Allen Beispielen ist gemeinsam, dass das Verklingen in Intensität und Dauer auch graphisch (Hüllkurven) gut nachvollziehbar ist!

Interface-Perspektive:

Das Arbeiten innerhalb einer DAW ist im häufigsten Fall durch die Interaktion mit Mouse- und Tastatur bestimmt. Im hiesigen Labor wurde kein weiterer (bspw. Midi-) Controller verwendet. Um das gesuchte/gewünschte Klangergebnis im Kompositionsprozess zu erhalten, ist daher viel "Klicken" nötig, zudem das stetige Wiedergegben des Klangausschnitts. Eine gleichzeitige Bedienung von Klangquelle und Effekt ist so nur umständlich zu realisieren (das Instrument kann über die Computer-Tastatur gespielt, der Effekt mit der Maus bedient werden).

Weiterführende Literatur:

Supper, Martin (1997): Elektroakustische Musik & Computermusik - Geschichte, Ästhetik, Methoden, Systeme, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Butler, Mark J. (2014): Playing with something that runs - Technology, improvisation, and composition in DJ and laptop-performance, New York: Oxford University Press.

Teil 3: Vorschläge für kreative Übungen mit den genannten Reverb-Parametern

Aufgabe (Intermediate): "Des pas sur la: Industriehalle" - Nimm mit dem Smartphone deine eigene Fussschritte für ein paar Sekunden auf (Beachte dabei die Sonorität deines Schreitens/Schuhmaterials/des Untergrunds). Erzeuge nun in einer DAW deiner Wahl den Höreindruck sich nähernder Schritte, die sich nach Erreichen eines Ziels wieder entfernen!

 

Aufgabe (Advanced): Das Reverb wird vor allem als Mittel zur Verräumlichung eines Klanges, meist in Kombination mit dem sog. Panning (Stereo-Panorama) sowie der Lautstärke (Volume) eingesetzt. Wie könnte man dieses Wissen einsetzen, um ein raumakustisches Verwirrspiel zu erzeugen?

 

Abschließend zwei eigene Klangstudien:

1. "Vordermittelhintergrund": In (enger) Anlehnung an den Hörausschnitt von "Key of Presence"/Brigitta Muntendorf habe ich drei Klavierstimmen komponiert, die sich in unterschiedlichen "Räumen", also Reverb-Stufen, bewegen. Es entsteht so eine Art zerklüftetes Relief, welches durch einige umgedrehte Reverbs noch einen artifiziellen, elektronischen Touch erhält.

2. "Disrupted Mechanica": Ebenfalls auf dem emulierten Flügel habe ich ein repetitives Momentum durch stete, d.h. sowohl direkte als auch graduelle Parametervariationen klanglich erweitert und anschließend die Hallfahnen teilweise zerschnitten.

Zur komponierten Räumlichkeit ein "Klassiker" von Alvin Lucier: I am sitting in a room (1969)

Datenbank Musiktheorie

Prototyp zur Ansicht

Nächster Schritt: Testphase innerhalb von ILIAS